01 02 03

Arbeitsplatz mit sozialem Anschluss

Arbeitsplatz mit sozialem Anschluss

Immer mehr Freiberufler mieten sich in „Coworking Spaces“ ein. Diese Büros bieten, was berufliche Einzelkämpfer oft vermissen: sozialen Anschluss.

mbzeitung300x
Bildquelle: Mittelbayerische Zeitung, 19.04.2013

Beim „Coworking“ finden digitale Nomaden einen Arbeitsplatz und eine gemeinsame Umgebung mit anderen Freiberuflern, Startups oder Home-Office-Angestellten. Foto: dpa

Nürnberg. Gut gelaunt kommt Esther Bartenschlager am Vormittag an ihren ungewöhnlichen Arbeitsplatz: ein blaues, gemütliches Sofa. Sie setzt sich hin, legt die Füße auf den Tisch und packt Laptop und Handy aus. So arbeitet die 36-Jährige fast jeden Tag. „Das ist voll Bombe hier“, schwärmt die Nürnbergerin, die einen Onlineshop für Wohnaccessoires betreibt. Bis vor kurzem hat sie ihr virtuelles Geschäft von Zuhause geführt. Weil ihr die eigenen vier Wände zu öde wurden, arbeitet sie jetzt in einem „Coworking Space“.

Freiberufler, Start-ups oder Projektgruppen können sich flexibel in diese neuartigen Bürogemeinschaften einmieten – für einen Tag, ein paar Wochen oder ein ganzes Jahr.

„Viele Freiberufler fühlen sich einsam, wollen nicht alleine arbeiten“, erklären Michael Stingl und Felix Böhm, Gründer der „Coworking Space Nürnberg“. „Da verzichtet man schon mal auf den großen Schreibtisch im Home Office oder sieht darüber hinweg, dass nicht die Lieblingsseife auf der Toilette liegt.“ 19 Euro kostet bei den beiden 33-Jährigen ein Arbeitsplatz pro Tag, ausgestattet mit Internetzugang, Drucker und Scanner. Kaffee ist als Flatrate abonnierbar.

Gemeinschaftsbüros wirken hipp

„Coworking Spaces“ wirken oftmals weniger wie Büros, sondern eher wie hippe Wohngemeinschaften: Wer es, wie Esther Bartenschlager, gemütlicher mag, kann im Nürnberger Ableger auf dem Sofa arbeiten oder in knallbunten Sitzkissen Pause machen. Es gibt eine Café-Theke, ein Regal mit Brettspielen und einen großen Kühlschrank mit Getränken. In einer Ecke stehen mehrere E-Gitarren – nach Feierabend wird das Nürnberger „Coworking Space“ schon mal zum Partyraum.

Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart sieht in der neuen Arbeitsform einen Gegentrend zu virtuellen Technologien: „Die direkte Begegnung und die persönliche Zusammenarbeit verfügt über eine Dynamik und Qualität, die von virtuellen Welten eben nur teilweise unterstützt werden kann“, erläutert die Forscherin. Kreative Diskussionen seien in Räumen mit spannendem Ambiente besser möglich.

Der Austausch mit Kollegen fehlt

Ute Maßmann, Mitgründerin der „Spacebox München“, kann das bestätigen: „Ich habe 13 Jahre im Büro eines Unternehmens gearbeitet; nachdem ich mich selbstständig gemacht hatte, fehlte mir der Austausch mit Kollegen“, sagt die 45-Jährige freiberufliche Eventmanagerin. Elf Arbeitsplätze in schicker Loft-Atmosphäre bietet Maßmann in ihrem „Coworking Space“ an. „Coworking“ ermögliche auch eine Abgrenzung zwischen Arbeit und Privatem, betont sie. Zu Hause habe sie, wie viele Selbstständige, fast rund um die Uhr gearbeitet.

Auch im oberbayerischen Dießen ist die neue Form des Arbeitens schon angekommen. „Denkerhaus“ heißt das Projekt in ländlicher Umgebung am Ammersees. „Hunderte kreative Köpfe werkeln Tag für Tag in ihren Kellerbüros und Dachkammern vor sich hin“, berichtet Hans-Peter Sander vom „Denkerhaus“. Seiner Meinung nach tragen „Coworking Spaces“ dazu bei, die Isolation von Heimbüro-Arbeitern zu durchbrechen.

Der Begriff Bürogemeinschaft gefällt Michael Stingl vom „Coworking Space Nürnberg“ deshalb weniger. Er spricht von einer „aktiven Arbeitsgemeinschaft“. Viele Aufträge würden untereinander vergeben, quasi auf Zuruf von Tisch zu Tisch, so Stingl. Für Onlineshop-Betreiberin Bartenschlager zählt ein ganz einfacher Vorteil: „Manchmal reicht es mir schon, das Gefühl zu haben, nicht allein zu sein.“ (dpa/lby)

Quelle: Mittelbayerische Zeitung 19.04.2013, mittelbayerische.de