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Das ganze Büro ins Smartphone bringen

Neue Arbeits- und Büroformen erobern den Arbeitsalltag / Flexibilität und Individualität werden dabei immer wichtiger

REGENSBURG. Warum sind in Südkoreas V-Bahn-Stationen Wände voller Plakate mit Supermarktregalen in Originalgröße? Tesco, die zweitgrößte Lebensmittelkette des Landes, hatte eine geniale Idee, den einkaufsmüden Koreanern den täglichen Supermarktbesuch angenehmer zu gestalten: Einfach den Barcode neben dem betreffenden Artikel mit dem Smartphone scannen, und schon liegt dieser im virtuellen Einkaufskorb - und das alles quasi im Vorbeigehen, ganz ohne Stress. Nur noch schnell den (realen) Supermarkt betreten, die bereits fertig zusammengestellten Waren abholen und schon kann der Feierabend beginnen - eine Innovation, die Tesco eine Umsatzsteigerung von 130 Prozent einbrachte. Da fragt man sich: Wenn es so einfach ist, einen ganzen Supermarkt aufs Smartphone zu bringen, warum sollte das dann nicht auch mit einem Büro funktionieren?

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Genau das ist der Ansatz moderner Büroformen: kürzere Wege, flexiblere Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Beruf und Familie - kurz: Work-Life-Balance at its best. Smartworking oder Coworking heißen die Zauberformeln zu mehr Flexibilität, die auch in Regensburg bereits Wurzeln schlagen.

Es ist doch meistens so: Attraktive Stellen gibt es in den Ballungszentren, schöne und günstige Wohngebiete dagegen in den Vororten. Morgens haben alle denselben Weg zur Arbeit, Straßen und öffentliche Verkehrsmittel sind voll, dazu kommen Umwege zu Kita, Schule oder Arzt. Kein Wunder also, wenn viele schon beim Betreten des Büros gestresst ist. Wie man das ändern kann? Indem die Menschen nicht zur Arbeit kommen, sondern die Arbeit zum Menschen. Einzige Voraussetzung: Eine gute Internetverbindung, um virtuell die räumliche Trennung zu überbrücken. Eine andere Möglichkeit, die gerade für Freelancer attraktiv ist, steht auch in Regensburg bereits in den Startlöchern: Beim Coworking kann jeder Interessent einen voll ausgestatteten Arbeitsplatz anmieten - ob für einen Tag, eine Woche oder mehrere Monate bleibt ihm überlassen. Konferenzräume gibt es separat. So kommt man nicht nur günstig an ein professionelles Büro, sondern obendrein auch in den Austausch mit Selbstständigen unterschiedlichster Branchen.

Ruth Mößmer, eine der treibenden Kräfte der Regensburger Coworking Initiative betont, dass es vor allem die Kleinigkeiten seien, die diese Arbeitsform so nützlich für alle Beteiligten machten: „Bei uns kommen Personen aus völlig unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen: Webdesigner, Ingenieure, Journalisten oder Yogatrainer. Viele Fragen lassen sich schnell und unkompliziert beantworten. Ich selbst habe etwa Tipps zum Umgang mit meinem Computer bekommen." Das sind natürlich nur Kleinigkeiten, aber gerade die sind es, die Selbstständigen in ihrer täglichen Arbeit enorm helfen, da sie normalerweise alleine arbeiten.

In Regensburg treffen sich die Coworker aktuell einmal pro Woche im IT-Speicher - öfter wird das erst dann funktionieren, wenn ein geeignetes Gebäude gefunden ist. Die Suche danach ist aber nicht der einzige Grund, warum es in Ostbayern nicht schon längst einen Coworking-Space gibt: „Wer sich in so eine Gemeinschaft reinbegibt, muss sich öffnen und seine typisch deutsche Maske ablegeri", sagt Ruth Mößmer. „Wir neigen dazu, uns in unserem Beruf zu verschließen. Wer es aber schafft, sich zu öffnen, wird schnell merken, wie wichtig die menschliche Komponente ist, wie viel Spaß die Arbeit macht." Die Coworker versuchen ständig, neue Kontakte herzustellen und sind auch offen für neue Ideen. „Ich denke, die Umstellung wird eine Weile brauchen", sagt Ruth Mößmer. „Diese ganzen modernen Büroformen müssen sich erst einmal durchsetzen." Sie verspricht aber: „Wir bleiben dran." Ziel ist es, so bald wie möglich einen Regensburger Coworking Space zu eröffnen.

Es muss nicht immer ein offizielles Smart Work oder Coworking-Center sein: Viele Unternehmen bieten auch interne Möglichkeiten zum „smarten Arbeiten" an - und die reichen weit über betriebliche Kitas und Fitnessstudios hinaus. Vorbei sind die Zeiten, in denen man von Punkt acht bis Punkt fünf im Büro saß. Heute gibt es HomeOffice- Tage, Video-Konferenzen, geteilte Managerposten, 90-Prozent- bis 70- Prozent-Stellen oder leistungsbezogene Bezahlung - unabhängig von der tatsächlichen Arbeitszeit. Die Auswahl ist riesig, und Potenzial ist noch unbegrenzt vorhanden. Jetzt müssen die Unternehmen nur noch die richtigen Artikel im Regal einscannen und in ihren virtuellen Warenkorb legen.

Originalartikel: von Stefanie Strassburger Wirtschaftszeitung Oktober